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Ein Historiker beschäftigt sich mit dem Schicksal der Homosexuellen in der Nazizeit

Was geschah mit den homosexuellen Männern der Hansestadt Lübeck während des Dritten Reiches? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit kurzem der Historiker Christian Rathmer. Angestoßen hat die Studie der Lübecker CSD e.V.

Christian Rathmer startet seine Nachforschungen mit wenig Anhaltspunkten. Mit sehr wenigen. Einzig der Name Paul von Großheim dient dem Historiker als Hinweis für den Beginn seiner Recherchen. Von Großheim wurde 1937 in Lübeck wegen seiner Homosexualität verhaftet. Weil der Sohn einer gutbürgerlichen hansestädtischen Familie später über seine Inhaftierung gesprochen hat – auch in Dokumentarfilmen – gilt das als belegt. Ob es in der Hansestadt am 23. Januar 1937 aber tatsächlich zu einer Massenverhaftung von 230 schwulen Männern kam – wie häufig kolportiert wird – daran zweifelt Christian Rathmer. „Die Information ist nicht belastbar“, sagt der Historiker.

christian rathmerChristian Rathmer (54) wurde im Münsterland geboren. 1995 kam der Historiker nach Lübeck, ist für die Museen der Hansestadt tätig und wirkt als Referent für das Willy-Brandt-Haus. Seinen Schwerpunkt hat der Wissenschaftler auf den Themen „Widerstand und VerfolgHistorischer Hintergrund

Erst zwei Studien zum Thema habe es in Schleswig-Holstein gegeben, so Rathmer. Doch die seien wenig ergiebig. Die Recherche sei schwierig, da die Justizunterlagen im ganzen Land verstreut sind. Außerdem wurden die Akten nach Namen geführt, nicht nach den Vergehen, die den Männer während der Nazizeit vorgeworfen wurden. „Viele der Polizei- und Gestapo-Akten wurden ohnehin vernichtet“, weiß Rathmer. Erste Untersuchungen führten den gebürtigen Münsterländer bereits nach Hamburg, weitere Recherche-Stationen sollen das Landesarchiv in Schleswig sowie das Niedersächsische Staatsarchiv sein. Auch Hinweisen nach einer mysteriösen Gefangenenliste will Christian Rathmer nachgehen. „Das Ziel soll ein möglichst kompletter Überblick über die Opfergruppe sein.“ Das Ergebnis von Christian Rathmers Arbeit wird aber sicherlich auch ein Zeitbild des schwulen Lübecks in den dreißiger und vierziger Jahren werden.

Eine Aufgabe, die in den Augen des Historikers eigentlich der Hansestadt Lübeck obliegt. „Es ist eine Pflicht der Stadt, ihre jüngere Geschichte zu erforschen. Aber in Lübeck konzentriert sich immer alles auf die Hansezeit“, kritisiert Rathmer. Selbst als 1986 das Denkmal für Verfolgte des Nazi-Regimes am Zeughaus am Dom enthüllt wurde, wurde an die homosexuellen Opfer nicht gedacht. Der CSD-Verein besserte später mit einem eigenen Denkmal an der gleichen Stelle nach. Immerhin arbeitet das Archiv der Hansestadt Lübeck nun mit Rathmer zusammen, öffnet seine Pforten, damit der Historiker mit seinen Nachforschungen beginnen kann.

Das Geld für die wissenschaftliche Arbeit wirbt der Lübecker CSD-Verein ein. „Dieses Thema aufzuarbeiten ist ein wichtiger Schritt, um der vernachlässigten Opfergruppe der Homosexuellen auch in Lübeck Anerkennung zukommen zu lassen und um die Gesellschaft für homophobe Tendenzen zu sensibilisieren“, erklärt der Vereinsvorsitzende Christian Till.


Gut ein Jahr hat Christian Rathmer für seine Arbeit veranschlagt. Rathmer muss Einzelschicksale recherchieren, die Ergebnisse müssen belastbar sein. Dass es kaum noch Zeitzeugen geben dürfte, macht die Arbeit nicht leichter. „Das macht man nicht mal so nebenbei“, sagt er.

Wer Informationen über in Lübeck verfolgte Homosexuelle zwischen 1933 und 1945 hat, kann sich unter der E-Mail-Adresse info(at)luebeck-pride.de an den Lübecker CSD e.V. wenden.

 

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